Kipplüften

Manche Familien haben ein Wappen.
Wappen stehen für Herkunft, Identität und Stolz.
Löwen für Mut, Adler für Macht, Eichenlaub für Standhaftigkeit.
Auf unserem Wappen wären ein gekipptes Fenster, ein rostiges Auto, ein eingestaubtes Schlagzeug und Ohrstöpsel.

Ich entstamme nämlich einer alten ostwestfälischen Linie von Kipplüftern. Das sind Menschen, die glauben, frische Luft sei wie ein scheues Reh: Man darf sie nicht erschrecken. Also macht man das Fenster nur so weit auf, dass sie theoretisch reinkommen könnte – wenn sie wollte.

Wenn meine Familie zu Besuch kam, begann für mich das große Kontrollieren. Ein Rundgang durchs Haus, als würde ich Einbrecher suchen. Aber nein – ich suchte gekippte Fenster. Im Bad. Im Gästezimmer. Im Keller. Einer hatte immer irgendwo eins auf halb gestellt.

So ein Kipplüfter macht das ja nicht aus Versehen. Das ist Überzeugungstäterschaft.

Ich wies dann vorsichtig darauf hin, dass wir eine Lüftungsanlage besitzen, die mehrmals täglich die komplette Raumluft austauscht. Hightech. Sensoren. Wärmerückgewinnung. Zukunft. Antwort: „Ja, aber das sieht man ja nicht.“

Ein Fenster auf Kipp dagegen – das sieht man. Das ist ein ehrliches Fenster. Das arbeitet noch richtig. Also heizen wir weiter fröhlich zum Fenster raus. Man muss der kalten Luft ja auch eine Chance geben.

Ich nenne das Halbarschigkeit mit Ansage. Man macht Dinge, aber nur mit so viel Aufwand, dass man sagen kann: Man hat etwas getan, aber ohne dass es wirklich einen Erfolg gab.

Das zog sich bei uns in der Familie durch wie ein roter Faden: Dinge schwach anfangen und dann stark nachlassen.

Mein Onkel zum Beispiel. Besitz eines Renault Fuego, Baujahr 1983. Der damalige Inbegriff des Savoir-vivre. Schön, stark, schnell.
Als er sich ein neues Auto kaufte, machte er das nicht wie normale Menschen, die etwas Altes weggeben, um Platz für Neues zu schaffen. Nein. Er erweiterte nur seinen Fuhrpark an Standobjekten.

Er bekam ein neues Auto und stellte sein altes Auto in den Garten meiner Eltern. Mein Vater war sogar so entgegenkommend und baute einen Stellplatz hinter der Garage seines Hauses.

Der Fuego stand dann da. Zehn, fünfzehn Jahre. Unabgedeckt. Der Sonne ausgeliefert wie ein All-inclusive-Tourist ohne Sonnenschutz. Im Sommer saßen wir beim Grillen daneben, Bier in der Hand, und beobachteten, wie die Natur langsam Besitz ergriff.

Mein Onkel war gelernter Kaufmann und fest davon überzeugt, irgendwann Zeit und „Skills“ zu haben, das gute Stück zu restaurieren. Ab und zu schraubte er ein kleines Teil ab, nahm es mit, sprühte Rostumwandler drauf und baute es wieder ein. Währenddessen zerlegte sich die Karosserie großflächig selbst. Klassisches Kipplüften in Blechform.

Irgendwann beschloss mein Vater, dass der Garten doch kein französischer Autofriedhof werden sollte. Das Auto sprang natürlich nicht mehr an. Also verbrachten die Brüder einen ganzen Tag damit, dieses Mahnmal ostwestfälischer Hoffnung auf einen Anhänger zu bugsieren.

Jeder normale Mensch hätte jetzt „Schrottplatz“ gedacht.

Aber nein. Der Fuego zog in die Garage meines Onkels. Das fahrtüchtige Auto parkte fortan draußen. Eigene Garage besitzen und im Winter kratzen müssen – das ist bei uns kein Widerspruch, das ist Lebenskonzept.

Und wissen Sie was? Das Auto steht da meines Wissens heute noch. Wahrscheinlich wartet es auf bessere Zeiten. Oder auf das H-Kennzeichen im Himmel.

Mein Vater machte es anders aber ähnlich. Er fuhr über 50 Jahre ausschließlich Ford. Treue wie im Märchen, nur ohne Happy End. Ein Ford mit 4-Gang-Automatik fürs Wohnwagengespann – technisch möglich, emotional schwierig. Entweder drehte der Motor im dritten Gang hoch wie ein beleidigter Staubsauger oder er hatte im vierten Gang keine Kraft.

Klimaanlage? Wurde nachgerüstet. Geräusche? Wurden analysiert.
Werkstätten wurden besucht wie andere Leute ihren Hausarzt.

Alle sagten: „Das ist halt Ford.“
Mein Vater sagte: „Das geht besser.“

Und weil echte Kipplüfter Probleme nicht ganz lösen, sondern elegant umschiffen, fuhr er irgendwann einfach ganzjährig mit Winterreifen. Ist ja leiser. Vielleicht.

Mit 50 beschloss mein Vater, Schlagzeug zu lernen. Fuhr ins Musikgeschäft, kaufte für 2.500,01 DM ein schickes Set, stellte es auf den Dachboden und spielte dreimal darauf. Dann kam der Gedanke: „Könnte ja laut sein. Könnte jemanden stören.“

Niemand hatte sich beschwert. Im Gegenteil, alle fanden es gut. Aber der reine Gedanke an mögliche Störung reichte. Seitdem übte er kontemplatives Schlagzeuganschauen. Einmal pro Woche hochgehen, Set angucken, nicken. Das war’s. Rhythmus ist auch Kopfsache.

Später stellten wir das Schlagzeug in den Luftschutzbunker meines Onkels. Ostwestfalen ist das einzige Gebiet, wo man einen Bunker besitzt, aber Hemmungen hat, laut zu sein.

Kipplüften ist keine Technik. Es ist eine Haltung. Man macht das Fenster ein Stück auf, damit man sagen kann, man habe gelüftet. Man schraubt ein Teil ab, damit man sagen kann, man restauriere. Man kauft ein Schlagzeug, damit man sagen kann, man spiele.

Und am Ende sitzt man im leicht zugigen Wohnzimmer und erinnert sich gemeinsam an rostende Savoir Vivre und nickt dazu rhythmisch leicht mit dem Kopf: „Also getan haben wir was.“ Erfolg ist optional.